Margit Seiler: Eine bestimmte Zärtlichkeit
1999 fragte der Journalist Heinz Scholz Margit Seiler „Welche Rolle spielen Füße in ihrem Leben?“. Die Künstlerin antwortete:
„Füße sind unser Fortbewegungsmittel. Füße sind das Körperteil, das am weitesten vom Kopf entfernt ist, bilden somit den Gegenpol zu einer verstandesmäßigen Sicht der Dinge, zu Rationalität und Vernunft. Füße sind sehr individuell, dem Gesicht und den Händen vergleichbar, jedoch ein Körperteil, das zumeist verdeckt und wenig beachtet ist. Dadurch haben sie etwas sehr intimes. Füße können auch sehr schön sein und implizieren Erotik auf eine Art.
Ich betrachte gerne die Füße der Menschen, Gang und Schuhwerk, und auch die Art, wie und wo ein Schuh ausgebeult ist. Habe einen Schuhtick, lackiere gerne die Fußnägel, liebe es, die Krümmung der Zehen und ihre Zwischenräume zu betrachten – manchmal als eine Form der Rückbesinnung und Kontemplation“1
An einer Biennale in Venedig, viele Jahre ist es her, zeigte Oliviero Toscani – er schuf die aufrüttelnden Benetton Plakate in der zweiten Hälfe der 1990er Jahre – einen mit Farbfotos vollgepflasterten Raum, auf denen frontal das nackte Becken von Menschen jeglichen Alters zu sehen war. Zuerst fiel natürlich das Geschlecht bzw. der Schambereich ins Auge. Auf den zweiten Blick ergab sich eine völlig andere Situation, nämlich das Ähnliche und das Verschiedene der Beckenkonstruktion und des Schenkelansatzes. Mit anderen Worten: Es ging Toscani um die Physiognomie von der auch Margit Seiler spricht.
Ihre Skulpturen in Gasbeton (Y-tong) sind vom Gewicht her leicht, im Massstab annähernd 1:1. Das helle grau der porösen, geschliffenen Oberfläche lädt zur Berührung ein.Ja, es gibt eine Erotik der Berührung, vor allem in Anbetracht der steil aufgerichteten Füße, der weiblichen Torsi, der hochschwangeren Bäuche, der Kniegelenke in aufrechten Beinen, der melonenrunden, leicht versetzten Pohälften, von denen Margit Seiler einmal lachend sagte, sie fände den einen Hintern etwas ordinär.
Wer immer einmal, zum Beispiel in Italien, in den weiträumigen Treppenhallen von Renaissancegebäuden in Griffnähe vorhandene Skulpturen betrachtet, wird feststellen, dass gewisse Körperstellen einen Hauch von dunkler Patina besitzen. Es können die Zehen sein, eine Ferse, ein Busen. Menschen, seit Jahrhunderten, berühren diese Stellen, geistesabwesend aber mit dem Instinkt, dass das kreisende Betasten Glück brächte oder Unheil abwende.
Margit Seiler hat für die Erotik der Physiognomie die haptische Qualität gefunden. Ein Kunstwerk soll man nicht berühren. Aber das Berühren mit den Augen ist nicht nur gestattet, es ist eine dem Begehren immanente Notwendigkeit. Das Berühren mit den Augen meint das imaginierende Umfangen, Abtasten, Einkreisen: Dieses Poröse der Oberfläche, auf der man nicht ausgleitet, auf der man gleichsam die Poren einatmet, befühlend einatmet.
Das physiognomische Insistieren schafft in seiner Sinnlichkeit etwas Ikonisches, eine erhöhte reliquienhafte Präsenz, die das Fragment in eine Stille und begehrende Ekstase versetzt. Der Gegenstand, die Skulptur, will eingelöst werden, als versinnlichtes, Erregung erzeugendes Zeichen. Einverleibung: Erkenntnis und Körpersymbiose. „Gefüttertes sehen“ (Friederike Mayröcker)2 .I ch denke mit dem Knie sagte Joseph Beuys, und er meinte das Ganzheitliche, das Körpergedächtnis.
Vor mir liegen sechs Fotos mit Gesäß – Skulpturen. Eine hängt bei mir in meinem Arbeitszimmer. Jeden Tag habe ich sie vor Augen, in den verschiedenen Schattierungen des Tageslichts. Jeder Po ist verschieden. Manchmal mit mehr, manchmal mit weniger, oder nur minimalem Schenkelansatz. Die Seiten sind gemäß der Gesamtfiguration gerundet. Die Vorderseite flach. Dort gibt es eine Öffnung. Man schlägt einen Nagel in die Wand, hängt das leichte Gebilde auf, aber es wirkt kompakt, schwerer als in Wirklichkeit. – diese Hintern sind so kontemplativ wie die Antlitze von kambodschanischen Khmer – Buddhas, tausend Jahre alt: Die Augen sind geschlossen, der Blick geht nach innen. Die Linie von Augen, Nase und Mund erzeugen den Klang einer völlig verinnerlichten Erleuchtung, strahlen eine unendliche Ruhe aus. Das Liebighaus in Frankfurt am Main besitzt so einen Kopf. Er stammt aus Thailand, ist nach 1400 n. Chr. entstanden. Immer wieder schaue ich mir in einer Publikation die Fotos dieser Antlitze an.
Sie sind alle ähnlich und verschieden. Je nach Stimmung vertieft man sich in das eine oder andere.
Margit Seiler gelingt etwas Außergewöhnliches. Die Gesäße, die sie aus dem porösen Kunststein schlägt und modelliert, besitzen eine vergleichbare Qualität. Sie haben eine meditative Stärke von immenser Sinnlichkeit, die aber nie eine falsche Erotik impliziert. Während die Buddha-Antlitze der reinen Anschauung dienen – wie oft streiche ich bei mir zu Hause einem späten Bronzeabguss über das Gesicht – verlagert sich das Berühren mit den Augen bei Margit Seiler in ein taktiles Verlangen. Nicht, dass uns die Realität eines Hintern suggeriert würde, vielmehr ist es so, dass wir den Händen der Künstlerin folgen, wie sie den Rundungen, je nach Körperhaltung ihre Form verleihen. – Von Claude Monet heißt es, dass er die späten Seerosen-Bilder durch seine zunehmende Erblindung wie aus der Tiefe der Erinnerung gemalt hätte. Der Pinsel, die Farbe schaffen lichtdurchtränkte Farbräume, die sich wie ein Kommen und Gehen einer Körpermelodie offenbaren. – Margit Seilers Hände schaffen eine solche Melodie. Das Berühren mit den Augen versinnlicht das Sehen, verdinglicht es, und gleichzeitig wird die Verdinglichung in einem Rhythmus aufgehoben, der nicht unterbrochen werden will, weil er zyklisch und dennoch immer wieder anders ist, sich aus sich selbst wiederholt.
Dasselbe könnte man von den Füßen sagen, die Margit Seiler schafft. Wie Lilien, die in der mittelalterlichen Malerei nach dem geistigen Licht streben. Aber da ist auch eine Ekstase spürbar, wenn in der steilen Erhebung der leicht gewölbte Spann sich mit der konkaven Fußsohle trifft. Die Zehen, etwas gespreizt, sind wie Fühler, als tauchten sie aus dem Wasser auf, sich zeigend, als wollten sie liebkost werden.
Aber da gibt es auch Schattenseiten. In einem Gespräch berichtet die Iranerin Eskandari-Grünberg wie sie als schwangere 17 jährige im berüchtigten Theraner Evin- Gefängnis mit Peitschenhiebe auf die Fußsohlen gefoltert wurde, davon ausgehen, dass die Fußsohlen – eine fernöstliche Erkenntnis – „das zweite Gedächtnis des Menschen“ sind3 . Und haben nicht die alten Chinesen die Füße der Mädchen derart eingebunden, dass sie auf den Fußballen gehen mussten, in der Meinung, dass dadurch deren Vaginalmuskulatur gestärkt würden.
Im Besitz einer unfehlbaren Technik macht sich der Mensch zum Gefäß der Inspiration.
Margit Seiler hat sich über Jahre vorgetastet, Varianten des Physiognomischen erforscht und erprobt, heute hat sie das Vokabular reduziert. Indem sie sich der Vielfalt entäußert hat, ist sie zu einem „Gefäß der Inspiration“ geworden. Das stete Ähnliche und Verschiedene hat einen Klang erhalten, dessen Tiefe und Weite von einem unerhörten Reichtum ist.
Jean-Christophe Ammann
(1) Katalog “Margit Seiler”, no location, 2000.
(2) Friederike Mayröcker, „Schreibweise vom Körper, auch dies – Zu Salvador Dalí: Dreieckige Stunde (1933)“, in: „Mit den Augen geschrieben“, München 1991, S.139.
(3) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28. Oktober 2012, Nr. 43.
Fußsohlen als „Zweites Gedächtnis“ sind genau kartographisiert. Über fünfzig Stellen, zum Teil unterschiedlichvon linkem und rechen Fuß, verweisen auf die Gesamtkonstitution des Menschen und seiner Organe. Siehe: www.ellen-foerster.de/xFuss/fussreflex.htm
Margit Seiler: A certain tenderness
In 1999 the journalist Heinz Scholz asked Margit Seiler “What roll do feet play in your life?” to which she replied “Feet are our way of getting around. The feet are the part of the body furthest from the brain and so act as a natural anti-pole to a world of sense and rationality. Just like our hands and faces, our feet are very individual, and yet they are often forgotten and in hiding them away, as we do, they are imbued with a certain intimacy. Feet can be beautiful and are liked to the erotic.
I enjoy looking at the feet of others, their gait, their footwear; even the way their shoes bulge. I suppose you could say I have a tick for shoes. I enjoy varnishing my toes and particularly like the sense of self-reflection I get from contemplating the crooks and hollows of my feet.” 1
At the Venice Biennial many years ago, Olivero Toscani – who created the stunning Benetton posters in the latter half of the 1990s – presented a room plastered with full-frontal naked photos of the pelvises of people of all ages. The first thing one noticed of course were the genitalia, but a second viewing showed a completely different picture. One saw the similarities and differences in the form of the pelvises and how they wove into the thigh. In other words: what Toscani was trying to show was physiognomy, and it is this which Margit is interested in.
Her sculptures in foam concrete (Y-tong) are light and allow scales of close to 1:1. The light, grey, porous and polished surfaces invite the observer to caress them. Indeed, there is an eroticism in touch, especially when in the feet, the female torsos, the highly pregnant stomachs, the knee joints in upright legs and the melon-round, slightly off-center buttocks. When asked about the latter, Margit laughingly answered, she would find just one pair somewhat ordinary.
Anyone who has ever come within reaching distance of a sculpture in the wide reaching stairways of an Italian renaissance building, will have noticed that certain body parts posses a hint of dark patina. It could be a toe, a heel, a bust. For hundreds of years, people walking by have touched these statues absentmindedly, with the hope that this contact will bring them luck or ward off evil.
Margit Seiler has found a haptic quality for the erotic nature of physiognomy. Although a piece of art should not be touched, the eyes must be allowed their visual intercourse to fully admire a piece. This visual intercourse is the surrounding, touching and encircling of the mind around an object. The porous surface which prevents one from slipping, the surface which one seemingly breaths in, palpably breaths in.
The physiognomic insistence creates something iconic with its sensuality, a heightened presence that transforms the fragment into a calm and coveted ecstasy. The object, the sculpture, begs to be used as a symbol for the creation of arousal. Assimilation: knowledge and bodily symbiosis. “Padded sight” (Friederike Mayröcker)2. Joseph Beuys once said “I think with my knees” when he talked of a holistic, physical memory.
I have before me six photos of the sculptures of backsides. I have one handing in my study. Every day, they are before me, in different shades, depending on the daylight. Each one different: some shinbones larger, some smaller; the sides rounded according to the general form. One hammers a nail into the wall and hangs the image. It is light but seems compact, heavier then reality. The backsides are as contemplative as the countenances of the Khmer of Cambodia – Buddhas, thousands of years old with eyes closed, their gaze directed inwards. The line of the eyes, nose and mouth radiate an infinite calm and create a tone complete enlightenment. The Liebighaus in Frankfurt has such a sculpture originating in Thailand around 1400 A.D. which I find myself continually drawn to.
They are similar and they are different. One immerses oneself in one or the other depending on the mood of the day.
Margit Seiler has succeeded in something remarkable. The backsides which she moulds out of the porous artificial stone posses a similar quality. They have a meditative strength of immense sensuality, without ever implying a false eroticism. Although the Buddha countenances exist purely to be observed, how often have I stroked the face of a late bronze cast I have in my home? Margit transfers the visual contact into a tactile desire. It is not the literal form of the buttocks which is implied, much more the movements of the artist’s hands as they move over the curves of the body in different postures. It is said that in the worsening blindness of his later years, Claude Monet painted his waterlilies from memory. The brushwork and the colouring create a world of colour saturated with light which reveals the melody of the comings and goings of human bodies. Margit Seiler’s hands create just such a melody. The visual contact sensualises sight, objectifies it, and at the same time gives the objectification a rhythm which is unstoppable even as it evolves: continually changing as its cycles repeat themselves.
The same can be said of the feet which Margit creates, like lilies pursuing the ephemeral light in paintings of the middle ages. But there is also an ecstasy which can be felt when the steep elevation of a lightly arched instep meets the concave sole of a foot. Splayed toes are like feelers, showing themselves as they emerge from the water, aching to be embraced.
There is, however, also a dark side. The Iranian Eskandari-Grünberg talks of how, as a pregnant 17 year old in the notorious Evin prison in Tehran, her feet were whipped in the hope of awakening, what oriental wisdom calls her “second memory”3. And what of foot binding, the Chinese tradition of restraining the feet of young girls to force them to walk on the balls of their feet, in the misguided intention to strengthen their pelvic floor.
There is a Japanese proverb which says:
Draw the bamboo for ten years, and become the bamboo. Then forget everything you have learned and draw it. When one perfects a technique, one becomes a vessel for inspiration.
Over many years Margit Seiler has felt her way forward and tried and tested many forms of physiognomy. Today she has reduced her vocabulary. By reducing diversity, she has become a “vessel for inspiration”. The constant similarities and differences have created a resonance whose depth and breadth have reached an unsurpassable richness
Jean-Christophe Ammann
(1) Catalogue “Margit Seiler”, no location, 2000.
(2) Friederike Mayröcker, “Schreibweise vom Körper, auch dies – Zu Salvador Dalí: Dreieckige Stunde (1933)“, in: “Mit den Augen geschrieben“, Munich 1991, pp.139.
(3) Frankfurter Allgemeine Sunday edition, 28th October 2012, Nr. 43.
The soles of the feet as a “second memory” has been well mapped. Over fifty points on the feet are said to regulate the organs and general physique. For more information see:
www.ellen-foerster.de/xFuss/fussreflex.htm
ANDREAS BEE
Zu wissen, dass man gesehen wird
Im Archäologischen Nationalmuseum in Neapel ist eine Marmorkopie einer höchst bemerkenswerten griechischen Statue aus der Zeit um 100 v. Chr. zu sehen. Die weibliche Figur zeigt eine junge Frau, die etwas Unmögliches versucht. Sie hat dafür ihr Gewand hochgezogen und den Kopf über die Schulter gewendet und betrachtet, so gut es eben geht, ihren eigenen Po.
Dass bei einer Skulptur die Rückseite zur Hauptansicht wird, ist in dieser Deutlichkeit etwas völlig Neues. Nie zuvor begegnete uns eine derart offensive Zurschaustellung der Rückenansicht einer Frau. Mit dem zum eigenen Gesäß gerichteten Blick fordert die Dargestellte den Betrachter unmissverständlich auf, es ihr gleichzutun und ebenfalls ihre entblößten Reize zu bewundern. Als wäre das nicht schon deutlich genug, unterstreicht ihr griechischer Beiname noch einmal, worum es hier zunächst geht: Aphrodite Kallipygos von kalos (schön) und pygos (Gesäß) ist die Schöne mit dem schönen Gesäß. Dieser Name geht auf eine antike Quelle zurück. Bei Athenaios, um 200 n. Chr. verfasst, lesen wir:
„So sehr waren einst die Menschen den Sinnenfreuden ergeben, dass sie sogar einen Tempel der Aphrodite mit dem schönen Popo weihten. Der Grund dafür war folgender: Ein Bauer hatte zwei schöne Töchter. Diese stritten sich einmal, wer den schöneren Hintern habe, und gingen an die Landstraße, um den Fall entscheiden zu lassen. Als ein Jüngling, der einen reichen, alten Vater hatte, vorbeikam, zeigten sie sich ihm. Er betrachtete sie und entschied sich für die ältere. Dabei verliebte er sich in sie, und als er zurück in die Stadt kam, wurde er vor Sehnsucht krank. Er gestand seinem jüngeren Bruder den Vorfall, der nun seinerseits aufs Land ging und die Mädchen inspizierte und sich ebenfalls verliebte, aber in die jüngere.“
Nach einigem Hin und Her kommt es, wie es kommen muss: zu einer Doppelhochzeit. „Die jungen Frauen, nun im Besitz eines glänzenden Vermögens, stifteten der Aphrodite einen Tempel und gaben der Göttin den Beinamen mit dem schönen Hintern …“
Das Faszinierende an der Aphrodite mit dem schönen Hintern ist – auch wenn wir das Allegorische in der Betrachtung nicht ausblenden können – dass sie etwas evoziert, das weit über das Begriffliche hinausgeht. Sie fördert und billigt ein schamloses Sehen und verweist auf eine spezifische Form der Schaulust. Diese zu genießen ist nicht jedem gegeben; sie will eingeübt sein. Der vergleichsweise weniger schambesetzte Po eignet sich hierfür eher als die weiblichen Genitalien, die für viele Männer das oberste visuelle Tabu darstellen.
Der Po ist also jener Teil des Körpers, der weitgehend unbefangen betrachtet werden kann, zumal dies häufig unbewusst geschieht. Dreht sich der oder die Beobachtete doch einmal unerwartet um, senken wir rasch den Blick; unsere Schaulust bleibt unerkannt und, anders als bei Aktaion und Diana, ungestraft. Im Unterschied zu anderen Merkmalen, verbindet der Po die Geschlechter. Seine Fragmentierung erlaubt es uns, ihn sowohl als männlich als auch als weiblich wahrzunehmen.
Was uns im Alltag jedoch oft nicht bewusst ist: Wir sehen, wenn wir denn wirklich sehen, das Natürliche überwiegend mit durch die Kunst geschulten Augen. Denn das Naturschöne bleibt, wie Hegel zu Recht behauptet, für alle Augenmenschen ein Reflex des Kunstschönen.
Margit Seiler widmet sich mit ihren kleinen Reliefs seit vielen Jahren dem Po. Indem sie ihn immer wieder neu in Szene setzt, wird er zum plastischen Objekt einer ästhetischen Inszenierung. Gibt es, so könnte man fragen, für jemanden, der sich seit Studientagen der plastischen Formensprache verschrieben hat, ein geeigneteres Motiv als den menschlichen Hintern? Wird das Plastische nicht wesentlich dadurch charakterisiert, dass es Formen hervorbringt, die sich nach außen wölben und als erfüllte Masse erscheinen? Denn plastisch nennen wir ja in erster Linie jene Gebilde, in welchen „sich Leben körperbildend wahrnehmbar anzeigt …, an denen die in ihnen liegende Kraft in die Grenzen ihrer Erscheinung hinein sich voll ausdrückt. Plastisch nennen wir Körper, die in ihrer Form dreidimensional als voll erfüllt von ihrer eigenen Lebenskraft erscheinen.“
Ob klein und fest, groß und weich, ob apfel-, birnen-, herz- oder kastenförmig, der Po ist ein mächtiger sexueller Stimulus. Er spricht auf eine ganz eigene, unverwechselbare Art mit uns. Und der eine oder andere Po von Margit Seiler scheint sogar zu wissen, dass wir ihn betrachten. Manch einer, so will es mir scheinen, strahlt Ruhe aus, ein anderer wirkt ordinär, wieder einer besitzt Witz im Sinne von Esprit, und lächelt nicht lächelt gar einer keck?
Mehr noch als bei den Malern provoziert bei den Bildhauern das Material die Form. Erst die konkrete Praxis, die Bearbeitung von Ytong, Sand-, Speckstein und Alabaster, führt zu Ergebnissen, die sich nie vollständig vorausplanen lassen. Margit Seilers Arbeiten sind deshalb auch Ausdruck einer lustvollen Auseinandersetzung mit den sehr verschiedenen, mehr oder weniger widerständigen Eigenschaften der Steine. Ob wir ihren Skulpturen neugierig oder eher distanziert begegnen, liegt allein an uns. Denn Kunst handelt zuletzt von ihren Betrachtern. Wir sind es, von deren Verhalten die Bedeutung eines Werkes abhängt.
Der Fuß weiß alles
„Das Gute ist leicht, alles Göttliche läuft auf zarten Füßen“, schreibt Nietzsche, nachdem er Bizets Oper Carmen zwanzigmal gehört hatte. Nicht das Schwere, Dogmatische und Plumpe, wie bei Wagner, sondern das Mühelose, Fließende und Zarte sind die Ideale seiner Ästhetik. Eine Kunst „Ohne Grimasse! Ohne Falschmünzerei! Ohne die Lüge des großen Stils!“ Man möchte hinzufügen: ohne moralische Last.
Ob grob oder zart, im Fuß kulminiert der gesamte Körper. Im linken Fuß der in Verzückung geratenen Heiligen Theresa von Lorenzo Bernini (1648) in der Barockkirche Santa Maria della Vittoria in Rom, so könnte man es verstehen, „pulsiert ein heimliches Leben.“ Ihr Fuß „gibt im kaum wahrnehmbaren motus das Einverständnis, ja die subtile Regie ihrer erotisch-religiösen Transverberation durch den fußlosen Flügelknaben in den wie plastisch skulpierten Faltengebirgen ihres Gewandes“.
Selbst noch ein sehr kleines Fragment eines Fußes – wie in Balzacs Erzählung Das unbekannte Meisterwerk – als pars pro toto kann genügen, um die erotisierende Schönheit eines verlorenen Ganzen zu retten:
„Und als sie sich näherten, entdeckten sie in einem Winkel des Bildes die Spitze eines nackten Fußes, die aus diesem Chaos von Farben, Tönen, unbestimmten Nuancen, diesem formlosen Nebel hervorsah: einen wunderbaren, einen lebendigen Fuß! Sie standen vor Staunen versteinert vor diesem Fragment, das einer unglaublichen langsamen und fortschreitenden Vernichtung entgangen war. Der Fuß glich dem Torso irgendeiner Venus aus parischem Marmor, der sich mitten aus den Trümmern einer eingeäscherten Stadt erhebt.“
(1) Athenaios von Naukratis, Das Gelehrtenmahl, ausgewählt und kommentiert von Ursula und Kurt Treu, Leipzig 1985, S. 338 f.
(2) Kurt Badt, Raumphantasien und Raumillusionen. Wesen der Plastik, Köln 1963, S. 137
(3) Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner, in: Werke in drei Bänden, Hg. von Karl Schlechta, München 1966, 9. Auflage 1981, Bd. II, S. 905 (I)
(4) Gerhard Wolf, Verehrte Füße, Prolegomena zur Geschichte eines Körperteils, in: Claudia Benthin/Christoph Wulf (Hg.): Körperteile, Reinbek bei Hamburg, 2001, S. 509.
(5) Honoré de Balzac. Das unbekannte Meisterwerk. Zürich, zit. n.: https://archive.org/details/cihm_97047, S. 360
(6) Gerhard Wolf, Verehrte Füße, Prolegomena zur Geschichte eines Körperteils, in: Claudia Benthin/Christoph Wulf (Hg.): Körperteile, Reinbek bei Hamburg, 2001, S. 501.
